Thioglykolat in Enthaarungscreme
Thioglykolat ist der Wirkstoff, der in fast jeder Enthaarungscreme das Haar auflöst. Es handelt sich um Salze der Thioglykolsäure, die in alkalischem Milieu die Schwefelbrücken im Haar-Keratin spalten. In der EU sind Konzentration und pH-Wert für Enthaarungsmittel gesetzlich begrenzt – trotzdem kann der Stoff die Haut reizen.
- Auf der Packung meist als Potassium Thioglycolate oder Calcium Thioglycolate angegeben.
- Wirkt durch Reduktion: Disulfidbrücken im Keratin werden aufgebrochen, das Haar zerfällt.
- EU-Grenze für gebrauchsfertige Enthaarungsmittel laut Anhang III: höchstens 5 Prozent, berechnet als Thioglykolsäure, bei pH 7 bis 12,7.
- Reizt vor allem bei zu langer Einwirkzeit, vorgeschädigter Haut und dünner Haut.
- Allergien auf den Wirkstoff sind möglich, aber deutlich seltener als Reizungen.
Was Thioglykolat ist
Thioglykolsäure ist eine kleine organische Säure mit einer Schwefel-Wasserstoff-Gruppe, chemisch auch Mercaptoessigsäure genannt. Diese sogenannte Thiolgruppe macht sie zu einem starken Reduktionsmittel: Sie kann Elektronen abgeben und dadurch Schwefel-Schwefel-Bindungen trennen.
In Kosmetik wird nicht die reine Säure verwendet, sondern ihre Salze, die Thioglykolate. In Enthaarungscremes findest du vor allem Potassium Thioglycolate und Calcium Thioglycolate, seltener Sodium Thioglycolate. Dieselbe Stoffgruppe steckt, in anderer Konzentration und bei anderem pH-Wert, auch in Dauerwell- und Glättungsmitteln für das Kopfhaar. Welche weiteren Stoffe in einer Creme stecken, erklärt Inhaltsstoffe von Enthaarungscreme.
Die Chemie: wie Haare aufgelöst werden
Haar besteht überwiegend aus Keratin. Seine Festigkeit verdankt es den Disulfidbrücken zwischen benachbarten Eiweißketten, gebildet aus der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein. Diese Brücken halten die Ketten zusammen wie die Sprossen einer Leiter.
Das Thioglykolat reduziert jede Brücke zu zwei getrennten Thiolgruppen. Bei ausreichend vielen gespaltenen Brücken verliert das Haar seine Struktur, wird gallertartig weich und lässt sich mit dem Spatel abstreifen. Damit diese Reaktion in wenigen Minuten abläuft, braucht es einen hohen pH-Wert. Den liefern Zusätze wie Calcium Hydroxide. Die Lauge lässt das Haar außerdem aufquellen, sodass der Wirkstoff tiefer eindringt.
Ein Nebenprodukt der Reaktion sind schwefelhaltige Verbindungen. Sie erklären den typischen Geruch nach Schwefel oder Dauerwelle. Eine leicht verständliche Gesamtübersicht bietet Wie funktioniert Enthaarungscreme?
Was die EU-Kosmetikverordnung regelt
Thioglykolsäure und ihre Salze dürfen in der EU nur unter Bedingungen eingesetzt werden, die in Anhang III der Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 festgelegt sind. Für gebrauchsfertige Enthaarungsmittel gelten dort:
| Regelung | Vorgabe für Enthaarungsmittel |
|---|---|
| Höchstkonzentration | 5 Prozent, berechnet als Thioglykolsäure |
| pH-Wert | 7 bis 12,7 |
| Pflichtangaben | Warnhinweise, unter anderem zum Augenkontakt, zum Befolgen der Gebrauchsanweisung und zur Aufbewahrung außerhalb der Reichweite von Kindern |
Für Produkte zur Haarumformung, etwa Dauerwellen, gelten eigene Werte. Maßgeblich ist immer die jeweils aktuelle konsolidierte Fassung der Verordnung. Alle in der EU verkauften Enthaarungscremes bewegen sich damit im selben rechtlichen Rahmen. Unterschiede zwischen Marken liegen eher in der Grundlage, den Zusätzen und der empfohlenen Einwirkzeit als in der Wirkstoffmenge – die Hersteller geben die genaue Konzentration in der Regel nicht an.
Warum Thioglykolat die Haut reizen kann
Auch die Hornschicht der Haut besteht aus Keratin. Sie enthält weniger Disulfidbrücken als das Haar und wird deshalb langsamer angegriffen. Auf diesem Zeitvorsprung beruht die ganze Methode. Mehrere Faktoren können ihn verkürzen:
- Zu lange Einwirkzeit: Nach der Maximalzeit beginnt der Wirkstoff, die Haut nennenswert anzugreifen. Die Folgen reichen von Rötung bis zur chemischen Verätzung.
- Dünne Haut: Gesicht, Intimbereich und Achseln haben eine dünnere Hornschicht. Dafür gibt es eigene, mildere Produkte.
- Vorgeschädigte Haut: Nach Rasur, Peeling, Sonnenbrand oder bei Ekzemen dringt der Wirkstoff schneller ein.
- Schleimhäute: Sie haben keine schützende Hornschicht. Augen, innere Schamlippen, Eichel und Anus sind deshalb immer tabu.
- Kombination mit der Lauge: Der hohe pH-Wert stört den Säureschutzmantel und macht die Haut zusätzlich empfindlich.
Daneben sind Kontaktallergien auf Thioglykolate beschrieben, etwa bei Friseurinnen und Friseuren, die beruflich häufig mit Dauerwellmitteln arbeiten. Bei Enthaarungscreme sind Reizungen durch Wirkstoff und Lauge aber wesentlich häufiger als echte Allergien. Bei Verdacht kann eine Hautarztpraxis mit einem Allergietest klären, welcher Stoff verantwortlich ist.
So minimierst du das Risiko
- Verträglichkeitstest machenEine kleine Menge 24 Stunden vor der ersten Anwendung an einer Stelle der späteren Zone testen, so lange wie geplant. Anleitung: Verträglichkeitstest vor der Enthaarung.
- Zonenfreigabe beachtenFür Gesicht und Intimbereich nur Produkte, die ausdrücklich dafür freigegeben sind.
- Maximalzeit nie überschreitenTimer stellen, nach der Mindestzeit an einer Probestelle prüfen.
- Bei Brennen sofort abbrechenCreme abnehmen und mehrere Minuten mit lauwarmem Wasser spülen.
- Gründlich abspülen und pflegenRestcreme wirkt weiter. Danach parfumfrei pflegen und 24 Stunden auf Deo, Parfum, Sonne, Chlor und Sauna verzichten.
Die vollständige Anleitung steht unter Enthaarungscreme richtig anwenden.
Lagerung und Haltbarkeit
Thioglykolate reagieren mit dem Sauerstoff der Luft und verlieren dabei an Wirkung. Wärme beschleunigt diesen Prozess. Eine Tube, die lange offen stand oder im warmen Bad gelagert wurde, kann deshalb schwächer wirken. Das ist kein Sicherheitsproblem, verleitet aber dazu, die Einwirkzeit zu verlängern – und das ist eines. Verschließe die Tube nach jedem Gebrauch fest und lagere sie kühl und trocken. Wie lange eine geöffnete Creme hält, erklärt Haltbarkeit von Enthaarungscreme. Mehr Grundlagen bündelt der Ratgeber Enthaarungscreme.
Häufige Fragen
Ist Thioglykolat schädlich?
In den in der EU erlaubten Konzentrationen und bei bestimmungsgemäßer Anwendung auf der Haut gilt es als sicher. Es kann aber reizen, besonders bei zu langer Einwirkzeit oder auf empfindlicher Haut. Deshalb gibt es gesetzliche Höchstwerte und Warnhinweise.
Gibt es Enthaarungscreme ohne Thioglykolat?
Fast alle Enthaarungscremes auf dem Markt nutzen Thioglykolate, weil sie das Haar zuverlässig auflösen. Produkte, die als natürlich beworben werden, enthalten sie meist ebenfalls. Prüfe im Zweifel die INCI-Liste.
Was ist der Unterschied zwischen Potassium und Calcium Thioglycolate?
Beide sind Salze derselben Säure und wirken nach demselben Prinzip. Sie unterscheiden sich in Löslichkeit und Verhalten in der Rezeptur. Für dich als Anwenderin oder Anwender ist der Unterschied in der Praxis gering.
Warum riecht Thioglykolat so stark?
Es ist eine Schwefelverbindung, und beim Abbau des Keratins entstehen weitere schwefelhaltige Stoffe. Parfum überdeckt den Geruch nur teilweise.
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