Wie funktioniert Enthaarungscreme?

Enthaarungscreme schneidet nichts ab und reißt nichts aus. Sie löst das Haar chemisch auf. Wer versteht, wie das funktioniert, versteht auch die wichtigsten Sicherheitsregeln.

Kurz erklärt

Ein Wirkstoff aus der Gruppe der Thioglykolate spaltet in stark alkalischer Umgebung die Schwefelbrücken im Haar-Keratin. Das Haar wird weich und lässt sich abstreifen. Die Haarwurzel bleibt unberührt – deshalb wächst das Haar nach einigen Tagen nach.

Woraus Haare bestehen

Ein Haar besteht zum größten Teil aus Keratin, einem faserigen Eiweiß. Seine Festigkeit verdankt es vor allem den Disulfidbrücken: chemischen Verbindungen zwischen zwei Schwefelatomen benachbarter Eiweißketten. Man kann sie sich wie Sprossen einer Leiter vorstellen, die die Ketten zusammenhalten. Haar enthält besonders viele dieser Brücken, weil es reich an der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein ist – das macht es so reißfest.

Was der Wirkstoff tut

Die meisten Enthaarungscremes enthalten ein Salz der Thioglykolsäure, auf der Inhaltsstoffliste meist als Potassium Thioglycolate oder Calcium Thioglycolate angegeben. Diese Verbindung kann Disulfidbrücken aufbrechen: Sie gibt Elektronen ab und verwandelt jede Brücke in zwei voneinander getrennte Schwefelgruppen. Chemisch nennt man das eine Reduktion.

Damit das schnell genug geht, braucht der Wirkstoff ein stark alkalisches Milieu. Dafür sorgen Zusätze wie Calciumhydroxid. Die Lauge lässt das Haar zusätzlich aufquellen, sodass der Wirkstoff tiefer eindringen kann. Nach einigen Minuten ist das Gerüst so weit zerlegt, dass das Haar seine Festigkeit verliert und sich mit dem Spatel abstreifen lässt.

Übrigens: Ein ähnliches Prinzip steckt in der Dauerwelle. Dort wird mit Thioglykolat bei niedrigerem pH-Wert nur ein Teil der Brücken geöffnet, das Haar in Form gebracht und anschließend neu vernetzt. Bei der Enthaarungscreme werden so viele Brücken gespalten, dass das Haar zerfällt.

Warum auch die Haut reagiert

Auch die oberste Hautschicht enthält Keratin. Sie ist aber deutlich ärmer an Disulfidbrücken als das Haar und wird deshalb langsamer angegriffen. Auf genau diesem Zeitunterschied beruht die Enthaarungscreme: Das Haar ist aufgelöst, bevor die Haut nennenswert Schaden nimmt.

Daraus ergeben sich die wichtigsten Regeln:

  • Die Maximalzeit ist eine echte Grenze. Wer sie überschreitet, gibt dem Wirkstoff Zeit, auch die Haut anzugreifen. Das Ergebnis reicht von Rötung bis zur chemischen Verätzung.
  • Dünne Haut braucht mildere Produkte. Im Gesicht und im Intimbereich ist die Hautbarriere schwächer, deshalb gibt es dafür eigene Formulierungen.
  • Schleimhäute sind tabu. Sie haben keine schützende Hornschicht und reagieren sofort.
  • Vorgeschädigte Haut ist tabu. Nach Rasur, Peeling oder Sonnenbrand ist die Barriere gestört und der Wirkstoff dringt schneller ein.

Die starke Alkalität stört zudem vorübergehend den natürlichen Säureschutzmantel der Haut, der normalerweise leicht sauer ist. Deshalb fühlt sich die Haut nach der Anwendung oft trocken an und braucht Pflege. Mehr unter Trockene Haut nach Enthaarungscreme.

Gesetzliche Grenzen

In der EU regelt die Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009, wie viel Thioglykolsäure und ihre Salze ein Enthaarungsmittel enthalten dürfen und in welchem pH-Bereich es liegen muss. Laut Anhang III sind das für gebrauchsfertige Enthaarungsmittel höchstens 5 Prozent, berechnet als Thioglykolsäure, bei einem pH-Wert von 7 bis 12,7. Außerdem schreibt die Verordnung Warnhinweise vor, etwa den Kontakt mit den Augen zu vermeiden. Alle zugelassenen Cremes bewegen sich damit im selben Rahmen. Mehr zum Wirkstoff: Thioglykolat.

Warum Enthaarungscreme riecht

Thioglykolate sind Schwefelverbindungen, und beim Aufspalten des Keratins entstehen weitere schwefelhaltige Abbauprodukte. Der typische Geruch nach faulen Eiern oder Dauerwelle kommt genau daher. Parfum in der Creme überdeckt ihn nur teilweise. Tipps dagegen: Warum riecht Enthaarungscreme so stark?

Warum die Haare zurückkommen

Die Creme wirkt nur auf den Teil des Haars, den sie erreicht – also an der Hautoberfläche und knapp darunter. Die Haarwurzel im Follikel bleibt vollständig erhalten und produziert weiter Haar. Weil das Haar etwas unterhalb der Oberfläche gelöst wird, dauert es meist etwas länger als nach einer Rasur, bis Stoppeln spürbar sind: in der Regel einige Tage bis etwa eine Woche.

Weil die Wurzel nicht beeinflusst wird, verändert Enthaarungscreme das Haarwachstum auch nicht. Die Haare wachsen weder dicker noch dunkler nach. Dass sie sich anfangs manchmal kräftiger anfühlen, liegt an der stumpfen Spitze des nachwachsenden Haars. Mehr dazu: Wachsen Haare nach Enthaarungscreme dicker nach? und Wie lange hält das Ergebnis?

Creme, Schaum, Spray: gleiches Prinzip

Ob Creme, Gel, Schaum oder Spray: Die Darreichungsform beeinflusst, wie du das Produkt aufträgst, nicht wie es wirkt. Auch Duschcremes arbeiten mit demselben Wirkstoff, nur in einer wasserabweisenden Grundlage. Welche Form für welche Zone passt, steht unter Enthaarungscreme, Schaum oder Spray?

Häufige Fragen

Entfernt Enthaarungscreme die Haare mit der Wurzel?

Nein. Sie löst das Haar an der Hautoberfläche und knapp darunter auf. Die Haarwurzel bleibt erhalten, deshalb wächst das Haar nach.

Warum wirkt Enthaarungscreme nicht bei allen Haaren gleich gut?

Dickeres Haar enthält mehr Keratin und mehr Schwefelbrücken, die aufgespalten werden müssen. Deshalb bleiben bei sehr kräftigem Haar und milden Cremes manchmal Stoppeln stehen.

Ist Thioglykolat giftig?

In den zugelassenen Konzentrationen und bei bestimmungsgemäßer Anwendung auf der Haut gilt es als sicher, kann aber reizen. Deshalb gibt es gesetzliche Höchstwerte, Warnhinweise und die Empfehlung eines Verträglichkeitstests.